Wahrheit und Pflicht

Wahrheit oder Pflicht ist ein Kinderspiel. Im besten Fall verhilft es einem zum ersten Kuss, im schlimmsten Fall plaudert man Dinge aus, die nicht für die Allgemeinheit bestimmt sind. Das Theater allerdings ist der Wahrheit verpflichtet. Wir als Theatermacher*innen haben nicht die Möglichkeit, zwischen Wahrheit oder Pflicht zu wählen. Wir müssen und wollen uns in unserer Arbeit der Pflicht stellen, nach der Wahrheit in unseren Stücken und unserem Handeln zu suchen. Es ist und bleibt unsere Aufgabe, gegebenen Wahrheiten immer wieder zu misstrauen, sie zu hinterfragen und wie Sisyphos jeden Tag aufs Neue den Stein den Berg hinauf zurollen.
Die Wahrheit, so wie sie oft in der „Post-, Klick- and Run-Demokratie“ der sozialen Medien postuliert wird, ist ein stumpfes Schwert, welches den Menschen aus der Pflicht entlässt, aus seinen veräußerten Wahrheiten eine Handlung zu generieren.
Das Theater steht vor einem ähnlichen Dilemma. Es stellt Fragen, erzählt Geschichten oder erforscht die Wirklichkeit in Laboren und predigt doch seine Wahrheiten oft genug nur vor den interessierten Gläubigen.
Ist es möglich, nach der Beantwortung der auf der Bühne gestellten Fragen nicht einfach die Absolution zu erteilen, sondern ein Bewusstsein zu schaffen, welches dem/der Rezipient*in aufgrund der individuell gefundenen Antworten die Pflicht zum Handeln auferlegt?
Wer nicht handelt, arbeitet für das bestehende System unserer westlichen Gesellschaft, deren zunehmende Brüchigkeit kontinuierlich sichtbarer wird. Die soziale Ungleichheit nimmt zu, populistische Positionen sind salonfähig geworden, das globale politische Gleichgewicht gerät aus den Fugen und die Bereitschaft zur Solidarität mit den Menschen, die in unserer Gesellschaft am Rande stehen, nimmt ab. Aufgaben sind uns genug gestellt.

Wir als Theater wollen uns mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln unserer Pflicht zum Handeln stellen. Oft genug werden wir dabei an unseren eigenen Ansprüchen scheitern. Das Leben ist eben kein Kinderspiel.
Trotzdem werden wir den riesigen Stein immer wieder den Berg hinauf rollen.
Versprochen.

Wir wünschen euch eine aufregende Spielzeit.
Herzlichst, Romy Schmidt und Team